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Der Sandmann - Nathanaels Krankheitsbild |
Titel: Der Sandmann - Nathanaels Krankheitsbild
Kategorie: Deutsch / Dramatik und Epik

Die dargelegte Geschichte als Grundlage betrachtend lässt sich Nathanaels Krankengeschichte wie folgt beschreiben: Als ausschlaggebend für den späteren Verlauf sind Nathanaels Kindheitserlebnisse in Bezug auf den Advokaten Coppelius, welche als frühkindliche Traumata betrachtet werden können, auszumachen. In den Bann gezogen wurde Nathanael als kleines Kind von den für ihn unerklärlichen, nur wage wahrzunehmenden, unheimlichen, aber zugleich faszinierenden Vorgängen im Haus, nachdem er sich ins Bett begeben musste. Geradewegs rituell wird das Haus der Familie abendlich von einem Unbekannten aufgesucht, der stets von den Eltern bereits erwartet wurde. Diese verschleiern die Identität des nächtlichen Besuchers und erzählen dem Jungen Nathanael als Ausflucht die Geschichte, dass es sich bei dem Besucher um den Sandmann handele. Auf Nathanaels Nachfrage hin tischt ihm die Amme ein grausames Gruselmärchen auf, in dem der Sandmann als Kinderaugen stehlende Bestie dargestellt wird, welches sich für ihn unweigerlich mit dem nächtlichen Besuch verknüpft. Der unheimliche Besucher wird in der Vorstellung Nathanaels zum Sandmann, der Kindern die Augen stiehlt. Zugleich verschreckt und fasziniert beschließt Nathanael, von typisch kindlicher Neugierde getrieben, die vermutete Kollaboration des sonst so sanften Vaters mit dem scheußlichen Sandmann selbst zu beobachten, weil er sich nicht traute, den Vater danach auszufragen. Dabei stellt Nathanael dann fest, dass der nächtliche Besucher nicht der obskure "Gruselpopanz" aus dem Ammenmärchen sondern der abscheuliche Advokat Coppelius ist, der Nathanael aufgrund dessen Hasses gegenüber Kindern ohnehin zuwider war. Coppelius war für Nathanael – nicht zuletzt wegen dessen abscheulicher Erscheinung – geradewegs der Inbegriff des Abscheulichen, Ekelhaften und Teuflischen. Nathanaels heimliche Beobachtung von Vater und Coppelius wird durch Coppelius enttarnt, worauf Coppelius handgreiflich wird. Dieser Schreck, von dem grausamen Gruselungeheuer aus den finstersten Träumen erwischt, gefangen und bedrängt worden zu sein, lässt Nathanael fantasieren, dass Coppelius ihm die Augen habe nehmen wollen. Hier ist der erste offensichtliche Realitätsverlust Nathanaels zu konstatieren. Es ist kaum anzunehmen, dass sich die Geschehnisse tatsächlich so zugetragen haben, wie sie beschrieben wurden. Es handelt sich um die vom Schock verzerrte Sicht des Geschehens. Doch nicht nur der Schreck Nathanaels Träume wurde in der Auseinandersetzung mit Coppelius Realität, was den Jungen überforderte: Auch das familiäre Vertrauensverhältnis wurde durch die neuen Erkenntnisse Nathanaels belastet. Als Höhepunkt von Nathanaels Kindheitstrauma ist der Tod des Vaters – möglicherweise unter Mitwirkung eben jenes Coppelius‘ – anzusehen. Nathanael gibt Coppelius die Schuld daran, dass der Vater eines Nachts bei einer Explosion in Folge der üblichen Experimentiererei ums Leben kommt. Es gelingt Nathanael zwar, im Laufe des Erwachsenwerdens die Geschehnisse zunehmend zu verdrängen, doch mit dem Auftreten des Wetterglashändlers Coppola flammt für ihn die Erinnerung wieder auf. In ihm glaubt Nathanael den fürchterlichen Coppelius aus Kindertagen zu erkennen und ist davon schwer erschüttert. Das unverarbeitete Trauma bricht hervor und Nathanael wendet sich an seinen Vertrauten Lothar, doch seine Lebensgefährtin Klara erhält fälschlicherweise den Brief. Sie antwortet ihm daraufhin vernünftig, geradezu psychologisch ausgefeilt, dass von den Gestalten Coppelius usw. keinerlei Gefahr für ihn ausgehe und dass diese ihn ängstigenden Figuren seiner Vorstellung nur die Macht hätten, die Nathanael selbst ihnen zumesse. Nathanael ist zwar zunächst beruhigt, doch tatsächliche Gewissheit hat er nicht. Als Nathanael versucht, sich kreativ mit seiner Angst auseinanderzusetzen, indem er darüber schreibt, erfährt er Ablehnung von Klara, die seine für ihn ganz existenziell-bedeutsamen Schilderungen als mystische Schwärmerei abtut. Gekränkt wendet er sich von ihr ab, es kommt zum Zerwürfnis. Erneut erschreckt wird Nathanael später durch den Besuch Coppolas, der ihm ein Perspektiv verkauft, doch er trägt die Begegnung mit Fassung. Nathanael wendet sich jedoch zunehmend Olimpia zu, womöglich als Trotzreaktion auf die Enttäuschung, der er von Klara erfahren hat. Er verliebt sich in Olimpia, doch als er sie letztlich heiraten will, wird er – seiner Auffassung nach – Zeuge einer gewaltsamen Auseinandersetzung Spalanzanis mit Coppelius. Es stellt sich für ihn heraus, dass Olimpia ein Automat wäre und dass der Professor zusammen mit Coppelius diesen entwickelt hätte. Coppelius verletzt Spalanzani und klaut Olimpia, lässt ihre Augen jedoch zurück, die Spalanzani wider Nathanael schleudert, woraufhin der völlig den Verstand verliert und sich daran macht, Spalanzani zu ermorden, wovon er jedoch abgehalten werden kann. Er wird zwar ins Tollhaus eingeliefert, gilt später aber als geheilt. Nathanael findet wieder zu Klara. Als die beiden auf einem Turm die Aussicht genießen, verliert Nathanael plötzlich die Besinnung und versucht Klara den Turm herabzuwerfen, wovon ihn Lothar abhalten kann. Während seiner Raserei rief Nathanael immer wieder aus, die Holzpuppe solle sich drehen. Dasselbe hatte er bereits geschriehen, als er sich in den Kampf mit Spalanzani und Coppelius verwickelt sah. Nathanael glaubt schließlich, unten am Fuße des Turms Coppelius entdeckt zu haben und stürzt sich daraufhin herab. Es ist festzustellen, dass in Nathanaels Schilderungen die Grenzen zwischen Realität und seiner Fantasie verschwimmen. Seine Erinnerungen sind Zerrbilder der Realität – hervorgerufen durch eine schwere Psychose. Er ist von seinen Schilderungen selbst vollkommen überzeugt und kann nicht zwischen tatsächlich Erlebtem und Hinzufantasiertem sondieren. Der Realitätsverlust Nathanaels nimmt im Laufe der Zeit immer bedrohlichere Züge an. Zum Schluss schlägt sich seine Krankheit sogar in äußerste Aggression – nicht nur gegen vermutete Feinde wie Spalanzani sondern sogar gegen seine Geliebten, Klara und Lothar, und letztlich sich selbst (Selbsttötung im Wahnzustand) – nieder. Die Voraussetzungen zur Annahme einer Psychose sind somit voll und ganz erfüllt.
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