Schulstoff.net - Die Passion Jesu - Ein Bericht?
 
 
 
 
 
Titel: Die Passion Jesu - Ein Bericht?
Kategorie: Religion / Exegese und bibl. Hermeneutik

Die Evangelisten beschreiben die Passion Jesu, den Prozess und die Kreuzigung, aus nachösterlicher Perspektive. Das bedeutet, dass die Schilderungen nicht zwangsläufig wortwörtlich, historisch korrekt sind. Es geht viel mehr darum, Glaubensaussagen für die Anhängerschaft Jesu, also die (frühen) christlichen Gemeinden, zu machen, weshalb die Texte einer kerygmatischen Auslegung bedürfen. So wird beispielsweise berichtet, dass sich um die Zeit des Todes Jesu eine Sonnenfinsternis ereignet habe. Es ist unklar, ob dies tatsächlich geschehen ist, aber es ist eindeutig festzustellen, dass die Sonnenfinsternis als ein apokalyptisches Bild für das Eintreten der Endzeit und des Weltgerichts zu sehen ist. Ferner wird vom Zerreißen des Vorhangs im Tempel zur gleichen Zeit berichtet. Daraus lässt sich interpretieren, dass der Weg zu Gott von nun an allen Menschen offen steht und nicht nur den privilegierten Hohepriestern, die als einzige befugt waren, alle Bereiche des Tempels zu betreten. Ihr „Gottesmonopol“ hat ein Ende; an Stelle des Tempelkults tritt das Kreuz. Markus und Matthäus schildern, dass ein römischer Hauptmann nach dem Tode Jesu die Einsicht erlangt habe, dass Jesus wahrhaftig der Sohn Gottes ist. Damit verbindet sich die Aussage, dass die Feststellung, Jesu sei der Sohn Gottes und der Messias, so offensichtlich richtig und unverkennbar ist, dass selbst ein Vertreter der römischen Ungläubigen, der Besatzer, unweigerlich zu dieser Einsicht gelangen muss. Auch die Tatsache, dass die Evangelisten Jesus verschiedene letzte Worte „in den Mund legen“ zeigt, dass es sich nicht um historische Zeugnisse, sondern Texte mit einer höheren Aussageabsicht bezüglich des Glaubens handelt. Durch die Wahl verschiedener letzter Worte werden verschiedene Aspekte des Todes Jesu akzentuiert, die allesamt bedeutsam sind. Eine historische Berichterstattung ist nicht gewollt, weshalb der scheinbare, oberflächliche Widerspruch kein Problem darstellt. Die Rezipienten der Texte sind also in der Pflicht, die Texte nicht fundamentalistisch auszulegen, sondern den in der genannten Glaubensperspektive verfassten Passionsgeschichten ihr Kerygma, das die Evangelisten angelegt haben, zu entnehmen.


 
 
 
 
 
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