Schulstoff.net - Kafkas Verwandlung - Zimmerherr-Perspektive
 
 
 
 
 
Titel: Kafkas Verwandlung - Zimmerherr-Perspektive
Kategorie: Deutsch / Dramatik und Epik

Kafkas Verwandlung lässt einige Fragen offen. Bei dieser Kreativaufgabe sollten einige dieser Lücken nach eigenem Ermessen geschlossen werden, indem die Geschichte aus der Perspektive einer anderen Person als im Original (Gregor Samsa) erzählt wird - in dem Fall aus der Perspektive der Zimmerherren.

Information Dieser Text ist das Ergebnis einer Kreativaufgabe. Er basiert zwar auf dem Primärtext, ist jedoch im Wesentlichen frei erfunden.

Als einer der Zimmerherren eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sein Zimmer zu einem brennenden Inferno verwandelt. Wissend, warum sich diese Verwandlung ereignet hat, denkend an die angesteckte Pfeife, der es am automatischen Abschaltmodus für die Nacht mangelt, schwang er sich leichtfüßig aus dem Bett, bahnte sich seinen Weg durch das verqualmte Zimmer, von wo aus er normalerweise eine vorzügliche Aussicht auf die Städtische Irrenanstalt hatte, auf den Flur, dann ins Freie. Dort erwarteten ihn bereits seine bisherigen Zimmernachbarn inmitten jeder Menge Mobiliar, das sie aus den angemieteten, inzwischen lichterloh in Flammen stehenden Zimmern für ihren Eigenbedarf gerettet hatten. „Wir haben uns nicht getraut dich zu wecken; du hättest nur wieder geschimpft, Chef“, versicherte einer der beiden postwendend. Der Chef, der inzwischen mittig zwischen den beiden anderen stand, unternahm wirsche Bewegungen der Arme, um sich von dem Ruß auf seinem Nachtkleid zu befreien, was nur mäßig gelang. „Eine neue Bleibe werden wir uns suchen müssen. Und zwar keine Teure, denn die gefälschten Bartwuchsmittel, die wir hier ja an den Mann bringen wollten, sind wohl allesamt in Flammen aufgegangen“, konstatierte der mittlere Zimmerherr und strich sich sichtlich in seine Überlegungen versenkt über seinen Vollbart1. Gemeinsam trotteten die drei unter Führung des mittleren Zimmerherrn in Richtung der örtlichen Gaststätte, wobei die Elektrische an ihnen vorbeifuhr. „Chef, können wir nicht auch mit der Bahn ins Grüne fahren? Wir haben hier doch ohnehin nichts mehr zu gewinnen?“ „Kommt gar nicht in Frage“, konterte der mittlere Zimmerherr sofort und öffnete dabei die Tür des Lokals, das sie inzwischen erreicht hatten. In der Gaststätte nahmen die drei bequemlichen Herren sodann Platz und der mittlere übernahm die Aufgabe, den Kleinanzeigenteil der dort ausliegenden Zeitung nach Unterkunftsofferten zu durchsuchen. Durch die bunt verglasten Fenster ließ sich erahnen, dass ein Feuerwehrzug unterwegs zur ehemaligen Pension der drei Herren war. Im Hinterhof der Gastsstätte hatten unterdessen die Möbel, die zwischen all den Brandschäden niemand vermissen würde, Platz gefunden. Der mittlere Zimmerherr blickte von seine Zeitungslektüre auf, wodurch er die anderen beiden beim gelangweilten Bartzwirbeln erwischte. „So, ein Quartier hätte ich gefunden, sofern es noch frei ist. Preisgünstig, nahe gelegen, sofort zu beziehen!“ „Und warum gehen wir da jetzt nicht hin, Chef?“ „Wir trinken erst ein Bier auf den Schrecken.“ Während sich die Herren bewirten ließen, gelang es ihnen, einen Teil einer Unterhaltung vom Nachbartisch mitzuhören.
„Aber Herr Prokurist, Sie belieben zu spaßen?! Sowas gibt es doch gar nicht, kann unmöglich sein!“ – „Wenn ich es Ihnen doch sage. Wir müssen den Kerl sofort entlassen; wer weiß, was uns sonst für Unheil droht. Wer beschäftigt schon einen überdimensionalen Mistkäfer als Modevertreter?!“ – „Nun gut!“
Wenig beeindruckt von dem obskuren Gesprächsgegenstand beglichen die Herren ihre Rechnung und machten sich auf den Weg zur neuen Unterkunft. Am Krankenhaus vorbeigehend erreichten sie das Haus, in dem sich die Wohnung befand, in die sie sich als Untermieter einquartieren wollten. Der Schriftzug „Samsa“ zierte die Tür. Überaus und ungewohnt höflich in der Wohnung empfangen wurden die Zimmerherren durch ein Ehepaar samt Tochter. Bei so viel Respekt vor den unbekannten potenziellen Mietern fiel dem mittleren Zimmerherrn das Aushandeln eines günstigen Mietpreises auch nicht schwer. Als umherziehende Kaufleute, die ihre Tätigkeit selbst freilich sehr hoch schätzten, waren die drei Herrn sehr auf Ordnung bedacht und inspizierten daher fast die gesamte Wirtschaft zu ihrer letztendlichen Zufriedenheit, woraufhin sie ihr Zimmer bezogen. Als Familie Samsa feststellte, dass die Herren ein üppiges Mobiliar mitgebracht hatten, wurden eilig die vorhandenen Möbel in eine Abstellkammer verbracht. Beim später folgenden gemeinsamen Abendessen2 mit den Vermietern ließen es sich die Zimmerherren freilich auch gut gehen und Familie wich auf weniger attraktive Plätze der Wohnung aus, wenn die Herren das Wohnzimmer für sich beanspruchten. Der Sessel, den der Vater einst unumstößlich für sich beansprucht hatte, war ebenso von den Untermietern in Beschlag genommen worden und aus übertriebener Höflichkeit3 diesen auch widerspruchslos überlassen worden. Eines Abends, nachdem die Zimmerherren wieder einmal ihr Nachtmahl bei ihren Vermietern eingenommen hatten, beschloss die Tochter, nach längerer Zeit wieder zu ihrer Violine4 zu greifen. Die Zimmerherren, die zu dieser Zeit rauchten und Zeitung lasen, luden sie daraufhin ein, sich zu ihnen zu gesellen und ihnen etwas vorzuspielen, verloren aber bereits nach kurzer Zeit das Interesse5 an dem gewiss hervorragenden Spiel.
Plötzlich entdeckte einer der gelangweilten Zimmerherren einen überdimensionalen Käfer auf dem Boden auf sie zukriechend6. Mit einer Geste des Entsetzens wich er zurück, wies auf das Ungeheuer und wandte sich an den Vater der Familie, was das bloß sei. „Herr Samsa!“, rief der Zimmerherr aus und baute sich vor dem Vater, der den Untermietern die anscheinend überaus unhygienischen Zustände in Teilen der Wohnung bisher vorenthalten hatte, auf. Ehe der mittlere Zimmerherr, der Wortführer der Gruppe, Worte für sein furchtbares Widerfahrnis fand, begann der Vater beruhigend auf die Herrn einzureden. Die Zimmerherren sahen sich ungläubig an und ihr Staunen nahm mehr zu denn ab, als sie Zeugen wurden, wie die Familie versuchte, dem Käfer unter Verwendung des Rufnamens „Gregor“ ins Gewissen zu reden, gefälligst wieder zu verschwinden. Das Spiel der Violine war auch längst verstummt. Allen Anwesenden war der Schrecken überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Noch während der Vater die Herren wenig behutsam unter Missachtung des ihnen ansonsten entgegengebrachten Respekts in ihr Zimmer zurückschob, blieb der mittlere Zimmerherr stehen und stampfte energisch auf den Boden: „Ich erkläre hiermit, dass ich mit Rücksicht auf die in dieser Wohnung und Familie herrschenden widerlichen Verhältnisse mein Zimmer augenblicklich kündige!“7 Weiterhin stellte er klar, dass die Herren natürlich auch für die bereits bei der Familie verbrachte Zeit nichts bezahlen würden, da sie sich als arglistig von der ekelhaften, Käfer beherbergenden Familie betrogen sahen. Die beiden anderen Zimmerherren pflichteten ihm sofortig bei, ihr Vorsteher spuckte auf den Boden und verließ gefolgt von den anderen die Wohnung. Weil sich der verärgerte Zimmerherr als Verkäufer von Pseudo-Arzneien gewiss ganz hervorragend auf das Beeinflussen von beeinflussbaren Menschen verstand, drohte er der verdatterten Familie noch im Abgang damit, rechtlich gegen sie vorzugehen.
Während die Zimmerherren sich draußen auf den Weg zu der Gaststätte machten, von der aus ihr Käfererlebnis seinen Anfang genommen hatte, war durch ein geöffnetes Fenster die Stimme der Tochter zu vernehmen: „Liebe Eltern, so geht es nicht weiter! Wir müssen endlich alles Menschenmögliche unternehmen, dieses Untier loszuwerden!“8 Dem aufgebrachten Gerede des mittleren Zimmerherren energisch beipflichtend hatte sich die Gruppe aber inzwischen aus der Hörweite des Hauses Samsa begeben.

Textverweise:
  1. S. 60 Z. 12
  2. S. 61 Z. 7
  3. S. 63 Z. 7
  4. S. 62 Z. 19
  5. S. 64 Z. 12
  6. S. 65
  7. Wörtliches Zitat von S. 66 Z. 20f.
  8. Freies Zitat nach S. 67 Z. 19f.


 
 
 
 
 
Zeugiten

Die Zeugiten bilden die dritte der vier Zensusklassen zu Zeiten der attischen Demokratie der antiken Athener Polis. Weitere Informationen finden sich im Artikel Zensusklassen. [Mehr lesen]


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