Schulstoff.net - Heine, Philister in Sonntagsröcklein - Interpretation
 
 
 
 
Titel: Heine, Philister in Sonntagsröcklein - Interpretation
Kategorie: Deutsch / Lyrik

Im Folgenden findet sich ein Interpretationsansatz zu Heinrich Heines Gedicht "Philister in Sonntagsröcklein" (Gedicht 37 aus dem "Buch der Lieder"):

In dem namenlosen, aber nach der ersten Strophe „Philister in Sonntagsröcklein“ bezeichneten Gedicht 37, das von Heinrich Heine geschrieben wurde und sich in seinem „Buch der Lieder“ findet, geht es um den Gegensatz zwischen den gefühlsmäßig-einfältigen, unbekümmert fröhlichen Philistern und der emotional schwierigen Lebenssituation des lyrischen Ichs.
Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu je vier Versen, in denen der Daktylus vorherrschend, jedoch nicht durchgängig vorzufinden ist. Das Reimschema ist stets ABAB (Kreuzreim) und männliche und weibliche Kadenzen wechseln sich ab, das dem Gedicht einen volksliedhaften Eindruck verleiht und das beschriebene Frohlocken der Philister formal unterstützt. In den ersten beiden Strophen beschreibt der Verfasser die Lebenswirklichkeit der Philister, der Spießbürger, die in der Epoche der Romantik, in der das Gedicht entstand, die den ideologischen Gegenpol zum romantischen Irrationalisten darstellen. Sie gehen im Diesseitigen, im von Konventionen und Vernunft bestimmten Leben in der Wirklichkeit voll auf und erfreuen sich den Schilderungen des Autors zufolge an der Natur und sind nicht aufnahmebereit für die höhere, romantische Wirklichkeit. Der Autor beschreibt, in der ersten Strophe, die Philister würden fröhlich, geradezu wie „Böcklein“ durch die Natur hüpfen und sie begrüßen. In der zweiten Strophe sagt er aus, sie würden mit blinzelnden Augen das romantische Blühen betrachten und mit langen Ohren das Lied der Spatzen einsaugen. Zur Beschreibung der Philister macht Heine sarkastisch Gebrauch von Bildern aus dem Tierreich: Die Philister verhalten sich nach seiner Auffassung unbekümmert und geradewegs schon in alberner Art und Weise wie Böcklein und Hasen (lange Ohren), wobei „Röcklein“ und „Böcklein“ bewusste Verniedlichungen des Ganzen sind, um die Absurdität, Albernheit und Ignoranz in ihrem Denken und Handelns nochmals hervorzuheben. Antithetisch kontert das lyrische Ich in der dritten und vierten Strophe. Darin beschreibt es seine schwierige Lebenssituation. Die Fenster des Zimmers mit schwarzem Tuch verhängend werde es sogar tagsüber von Gespenstern besucht. In der vierten Strophe offenbart sich, um welch Problem es sich handelt: Die alte Liebe erscheine dem lyrischen Ich, nachdem sie aus dem Totenreich gestiegen sei, und erweiche sein Herz dadurch, dass sie sich zu ihm setze und weine. An diesen Schilderungen wird die große Bedeutsamkeit des Traums für die Romantiker deutlich, in die sie sich teils gegebenenfalls auch durch Zuhilfenahme bewusstseinsbeeinträchtigender Rauschmittel zu flüchten pflegten. Nimmt man hingegen an, dass es sich um eine metaphorische Beschreibung von seelischen Qualen nach Verlust eines geliebten Menschen handelt, erscheinen die dargelegten Gespensterbesuche als schmerzliches Aufleben der Erinnerung plausibel. Der Gegensatz zwischen dieser emotional komplizierten und schwer zu bewältigenden Situation und der geradewegs primitiv, geregelt ablaufenden Wirklichkeitsrezeption der Philister, die die bestehenden Probleme von emotionaler Tiefe gar nicht wahrzunehmen vermag, wird durch den symmetrischen Aufbau des Gedichts aus These und Antithese, auf die jeweils zwei Strophen entfallen, unterstützt.
In Heines Gedicht ist somit eine Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit zu erkennen. Der Lebensentwurf der Philister, der an der mitunter durchaus schwierigen und auch traurigen Wirklichkeit nach Auffassung der Romantiker völlig vorbeigeht und keineswegs Vorbild sein sollte, wird abgelehnt und durch die erwähnten bildlichen Vergleiche und die Verniedlichungen regelrecht lächerlich gemacht.
Meiner Meinung nach zeichnet der Autor mit seinem Gedicht die zu seiner populäre, romantische Weltsicht nach, die heute überholt ist. Eine Einteilung der Menschen in diejenigen, die sich der emotionalen Dimension öffnen und dadurch ihr volles Potenzial entfalten können, und in die, welche durch eine eingeschränkte, tunnelblickartige Wirklichkeitsrezeption diesen Zustand nie erreichen werden, ist heute meiner Auffassung nach nicht vorzunehmen. Durch den heutzutage verbreiteten Individualismus und die in unserem Kulturkreis vorhandenen Freiheiten zur Entfaltung der Persönlichkeit ist es jedermann möglich, sich geistig frei zu entfalten und nach „seiner Fasson“ selig zu werden; eine Flucht in Traumwelten oder eine besondere Loslösung vom Diesseitigen ist zur Erlangung geistiger Freiheit meiner Meinung nach nicht von Nöten.

 
 
 
 
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