Schulstoff.net - Faust I - Charakterisierung / Analyse Valentins
 
 
 
 
 
Titel: Faust I - Charakterisierung / Analyse Valentins
Kategorie: Deutsch / Dramatik und Epik

Goethe verdichtet in Faust I in der Figur Valentins soldatische Stereotypen und bürgerliche Ordnungsvorstellungen. In diesem Artikel wird Valentin genauer analysiert und sein Verhalten kritisch beleuchtet (Charakterisierung und Bewertung).

Der Soldat Valentin ist der Bruder Gretchens und tritt erstmalig in der Szene „Nacht“ (V. 3620 f.) in Erscheinung. In einem längeren Monolog äußert Valentin seine Verärgerung und Enttäuschung darüber, wegen Gretchens neuerlichen Verhaltens, ihrer inoffiziellen Beziehung mit Faust, ins Gerede der Leute zu gelangen (V. 3641). Ernüchtert stellt er fest, dass er früher durch das entsprechende Gerede über liederliche Zeitgenossen nicht angreifbar gewesen sei und dass seine Schwester als Sinnbild der Tugendhaftigkeit, als „Zier vom ganzen Geschlecht“ (V. 3636) gegolten habe, sich nun aber schuldig gemacht habe. Valentin sieht sich in seiner Ehre verletzt, er befürchtet, sich von jedem „Schurken“ – zu Recht, wie er findet, – beschimpfen lassen zu müssen (V. 3641, 3645). Schließlich bemerkt er, dass sich zwei Gestalten nähern und vermutet sogleich, dass es sich bei einem der beiden um den verhassten Liebhaber der Schwester handeln könnte (V. 3648). Diesen will er nicht „lebendig von der Stelle“ (V. 3649) lassen, Valentin ist also auf gewaltsame Rache am vermeintlichen Schänder der Familienehre aus. Als Faust und Mephisto daraufhin vor Gretchens Tür auftauchen und Mephisto beginnt, zur Zither zu singen, stellt Valentin die beiden und attackiert Mephisto verbal als „vermaledeiten Rattenfänger“ (V. 3699) und wünscht ihn zum Teufel (V. 3700-3701), ohne zu ahnen, es mit diesem bereits zu tun zu haben. Während Valentin im Begriff ist, sich ans „Schädelspalten“ (V. 3703) zu machen, setzt Mephisto Faust unter Druck, indem er ihn eindringlich dazu auffordert, den rasenden Valentin zu erstechen: „Nur zugestoßen! [...] Stoß zu!“ Valentin sieht sich mit einer Übermacht konfrontiert und glaubt sodann, mit dem Teufel zu fechten (V. 3709). Von Mephisto angeleitet sticht Faust schließlich zu, woraufhin „der Lümmel“, wie Mephisto das Opfer bezeichnet, zu Boden fällt (V. 3712). Mephisto beschließt, postwendend mit Faust die Flucht zu ergreifen, obwohl er die Polizei nicht fürchtet; lediglich mit dem Blutbann könne er sich nicht abfinden (V. 3714-3715). Während Valentin den Tod bereits vor Augen hat, wie er selbst bekundet (V. 3722), eilen entsetzt viele Personen, darunter Marthe und Gretchen, heran. Valentin bleibt indes noch genügend Kraft für eine energische Ansprache an die versammelte Menge: Darin greift er seine Schwester Gretchen scharf an, behauptet, sie mache ihre Sachen schlecht (V. 3728) und sei „nun einmal eine Hur“ (V. 3730). Er kostet Gretchens öffentliche Bloßstellung vollends aus, indem er die kompromittierenden Aussagen „im Vertrauen“ (V. 3729) vor versammelter Menge tätigt. Gretchen ist schockiert von den Vorwürfen ihres Bruders und stammelt. Dieser fährt unterdessen mit seinen Ausführungen fort und malt aus, dass Gretchen nun mit einem angefangen habe, sich als nächstes mit einem Dutzend und am Ende mit der ganzen Stadt einlassen werde (V. 3736-3740). Valentin ist sich sicher, dass Gretchen dem Untergang geweiht ist und prophezeit Gretchen in diesem Sinne eine düstere Zukunft, bestimmt durch Ausstoßung aus der bürgerlichen Gesellschaft, angefangen mit der Geburt der Schande, die sich nicht verstecken lasse. Schließlich verflucht er Gretchen (V. 3754) und maßt sich an, eine höhere als die göttliche Gerechtigkeit zumindest vorübergehend schaffen zu können (V. 3762). In dieser aufgeheizten Stimmung versucht Marthe daraufhin umsichtig, Schlimmeres zu verhindern, indem sie Valentin den Rat gibt, seine Seele Gott zu befehlen, statt noch mehr Lästerung auf sich zu laden. Den guten Rat Marthes befolgt Valentin nicht und äußert stattdessen den Wunsch, dem „schändlich kupplerischen Weib“ Marthe den Garaus zu machen (V. 3767). Gretchen ist völlig aufgelöst, doch Valentin spricht ihr die Trauerberechtigung ab, indem er behauptet, dass Gretchen an allem schuld sei und ihm schließlich selbst den „schwersten Herzensstoß“ (V. 3773) gegeben zu haben. Am Ende verkündet er selbstgewiss, nun als braver Soldat zu Gott einzugehen (V. 3775) und verscheidet daraufhin. Valentin tritt als Repräsentant enger kleinbürgerlicher Moralvorstellungen und einer unbarmherzigen Verständnisweise des Christentums auf. Er ist ideologisch z.B. mit vermeintlich rechtgläubigen Inquisitoren des Mittelalters, die in der Annahme, im Sinne Gottes Gerechtigkeit nach eigenem Gutdünken schaffen zu müssen, harmlose Menschen als Hexen und Hexer ermorden, in Beziehung zu setzen. Die in seinen Augen unverzeihlichen Verfehlungen seiner Schwester geben ihm die formale moralische Legitimation mit jedweder Form der Nächstenliebe, Güte und Menschlichkeit zu brechen, um letztlich bloß egoistisch seiner verletzten Eitelkeit genüge zu tun. Obwohl sich Valentin auf Gott beruft, sich seiner Einberufung ins Paradies gewiss ist und auch sein Handeln im Diesseits als religiös legitimiert ansieht, ist er somit nicht Vertreter, sondern Verletzer der wahren christlichen Werte. Gretchen wird durch diese Trennung vom Bruder, der ihr nach dem Tod ihrer Schwester noch als Geschwister geblieben war, schwer getroffen.
 
 
 
 
 
Monopol

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