Schulstoff.net - Faust I - Wissenschaft - Was die Welt im Innersten zusammenhält
 
 
 
 
 
Titel: Faust I - Wissenschaft - Was die Welt im Innersten zusammenhält
Kategorie: Deutsch / Dramatik und Epik

"Daß ich erkenne, was die Welt / Im Innersten zusammenhält" (V. 382 f.)

Ist die Suche des Wissenschaftlers nach dem, "was die Welt / Im Innersten zusammenhält" (V. 382 f.) heute noch aktuell?

Meines Erachtens ist das Motiv der wissenschaftlichen Suche nach der allumfassenden Erkenntnis von der Welt nach wie vor völlig zeitgemäß. Die wissenschaftlichen, technischen Methoden, die der Mensch dabei einsetzt, haben sich gewiss verändert, doch der Drang nach Erkenntnis und das Erleben der eingeschränkten Möglichkeiten dazu sind geblieben. Goethe hat sein Werk zwar auf der einen Seite vor dem zeitlichen Hintergrund des historischen Fausts (Mittelalter) und auf der anderen Seite vor dem Hintergrund seiner eigenen Zeit verfasst, sodass manches Detail altmodisch wirken mag, doch die Thematik ist meiner Meinung nach zeitlos.
Beispielsweise in einer Ausgabe der ZDF-Dokumentation "Abenteuer Wissen" zum Teilchenbeschleuniger LHC beschrieb einer der Physiker am CERN die Forschung auf dem Gebiet genau mit den Faustschen Worten. Man erhoffe sich, durch die Experimente am LHC genau das zu finden, "was die Welt / Im Innersten zusammenhält" – gemeint in dem Fall das Higgs-Teilchen.
Wie sich diese Suche konkret ausgestaltet, ist abhängig von der Zeit. Während zu Zeiten des historischen Fausts gerade der Umbruch vom Erkennen durch Lesen hin zur Erkenntnis durch Forschung erfolgte, dominierte zur Zeit der bekannten Faust-Inszenierung mit Quadflieg und Gründgens (aus dem Jahr 1960) die Atomtheorie das wissenschaftliche Streben. Heute wären die Gentechnologie der aber die modernen Teilchenbeschleunigerexperimente zur Erforschung des Aufbaus der Materie als Beispiele zu nennen.
Die Vernunft ermöglicht dem Menschen zwar enorme Leistungen, birgt aber auch Gefahren. Indem sich heute der Mensch aus Neugierde seinen eigenen Urknall schafft (→ LHC) oder Organismen mit den Methoden der Gentechnik kreiert, erhebt sich "der kleine Gott der Welt" zum Schöpfer und bedenkt, wie Mephisto im Stück andeutet, nicht seine Grenzen, nimmt nicht wahr, dass er das "Ganze" nicht erfassen kann (V. 1780-1781), da dieses Gott allein vorbehalten ist.
Obwohl die Wissenschaftler von der Unbedenklichkeit ihres Wirkens größtenteils überzeugt sind, irrt doch der Mensch, so lang er strebt (V. 317). Schlagen Experimente beispielsweise mit biologischen Waffen oder Atomanlagen fehl, so hat der Mensch schlimmer auf Erden gewütet, als es ein Tier je könnte (V. 285-286). Auch der sog. atomare Overkill (→ Kalter Krieg) ist eine Erscheinungsform dieser menschlichen "Fähigkeit", "tierischer als jedes Tier" zu sein.
Wichtig ist aber, das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis nicht pauschal zu kritisieren oder zurückzuweisen, wenn man Goethes Faust als Argumentationsgrundlage heranziehen möchte. Der HERR äußert im "Prolog im Himmel" schließlich ausdrücklich, dass er nicht wünscht, dass die Tätigkeit des Menschen erschlaffe. Daher habe er ihm sogar Mephisto als Gesellen zur Seite gestellt, der ihn antreiben solle.
Darüber hinaus beurteilt der HERR Fausts Streben positiv: Zwar verworren, aber doch auf dem "rechten" Weg diene Faust dem HERRN.
Von daher gilt es, in Bezug auf die Wissenschaftsproblematik abzuwägen, welches Ausmaß des Strebens vertretbar ist. Mit letztendlicher Gültigkeit und Präzision kann der Wissenschaftler dieser Abwägung jedoch nicht treffen. Die perfekte Gradwanderung ist nicht zu vollziehen, da zu seinem Menschsein der Irrtum fest dazugehört.
Abschließend lässt sich also festhalten, dass sich die Thematik ohne Weiteres auf die heutige Zeit beziehen lässt.

 
 
 
 
 
Zeugiten

Die Zeugiten bilden die dritte der vier Zensusklassen zu Zeiten der attischen Demokratie der antiken Athener Polis. Weitere Informationen finden sich im Artikel Zensusklassen. [Mehr lesen]


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