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Faust I - Bedeutung der Szene "Prolog im Himmel" |
Titel: Faust I - Bedeutung der Szene "Prolog im Himmel"
Kategorie: Deutsch / Dramatik und Epik
Die Szene "Prolog im Himmel" (V. 243 f.) ist die letzte der drei Einleitungen, die Goethe der irdischen Fausthandlung in seinem Werk Faust I voranstellt. Mit dieser Szene beginnt die eigentliche Handlung, da sich die beiden Szenen zuvor, insbesondere die Zueignung, mit dem Werk selbst bzw. seiner Entstehung beschäftigen.
Die Szene spielt im Himmel und wird mit dem Auftritt dreier Engel eingeleitet, welche die Schöpfung mit ihrer Natur und ihrem Eigenleben als "unbegreiflich hohe Werke" (V. 249) loben, die noch genauso herrlich seien "wie am ersten Tag" (V. 250). Gleichzeitig räumt einer der Engel ein, dass niemand von ihnen diese hohen Werke ergründen könne (V. 248). Die Engel wiederholen ihr Lob der Schöpfung (V. 267) und Mephistopheles (im Folgenden: "Mephisto") tritt auf.
Mephisto ordnet sich in das himmlische Gesinde ein (V. 274) und widerspricht der Einschätzung der Engel. Er vertritt eines der beiden Menschenbilder, die in der Szene dargestellt werden. Mephisto stellt fest, keine hohen Worte für die Schöpfung zu finden (V. 275). Schließlich sehe er ständig, wie sich die Menschen plagen würden (V. 280).
In Anbetracht der biblischen Gottesebenbildlichkeit und auch in Bezug auf das Wesen des Menschen bezeichnet Mephisto ihn als den "kleinen Gott der Welt" (V. 281), der unveränderlich oder eher unverbesserlich sei (V. 281) und daher noch genauso wunderlich sei wie am ersten Tag (V. 282). Aus der Bezeichnung lassen sich weitere Aspekte von Mephistos Menschenbild ableiten.
Mephisto schätzt den Menschen als ein Wesen ein, das sich überschätzt, zur Hybris neigt, sich dabei aber seiner einschränkenden Geschöpflichkeit nur bedingt bewusst ist.
Mephisto stellt daraufhin die These auf, der Mensch würde besser leben, wenn Gott – den Mephisto im Übrigen duzt, obwohl der HERR Mephistos "Vorgesetzter" ist – dem Menschen nicht einen "Schein des Himmelslichts" gegeben hätte (V. 284). Der Mensch nenne diesen "Vernunft" und setze ihn völlig verkehrt ein, nämlich um "tierischer als jedes Tier zu sein" (V. 285-286). Die Einschätzung der Vernunft als Plage für den Menschen kann mehrere Gründe haben.
Auf der einen Seite ermöglicht sie dem Menschen die intellektuelle Reflexion seines Schicksals, die Frage nach einem gütigen Gott im Angesicht des Leids auf der Welt (Theodizee-Frage), die für den Menschen aber, der den göttlichen Heilsplan nicht erfassen kann (V. 1780), ins Leere laufen muss. Dies stellt den Menschen vor Probleme und macht ihm das Leben schwer (V. 1635-1636), wie Mephisto feststellt.
Auf der anderen Seite kann der Mensch seine Fähigkeiten missbrauchen, auch zu seinem unmittelbaren Nachteil. Mephisto vergleicht den Menschen mit einer planlos herumspringen Zikade (V. 288).
Auf Nachfrage des HERRN, ob Mephisto sonst nichts vorzubringen habe außer Anklagen, erwidert dieser. Er finde alles auf der Erde "wie immer herzlich schlecht" (V. 296). Sogar er als Teufel habe schon beinahe Mitleid mit den Menschen (V. 298).
Als der HERR auf Faust als positives Beispiel eines Menschen verweist, stellt Mephisto auch diesen in Frage, indem er ihn als Toren bezeichnet, der sich seiner Tollheit immerhin teilweise bewusst sei.
Alles in allem vertritt Mephisto ein nihilistisches (V. 1338) Welt- und Menschenbild. Er erkennt nur die schlechten Eigenschaften des Schöpfungsgefüges und würde, wie Mephisto später Faust gegenüber äußert, die Welt gerne wieder ins Nichts führen (V. 1340).
Mephisto ist Vertreter der "Antischöpfung" und nimmt für seine Argumentation lediglich Negativaspekte auf, alles Gute unterschlägt er.
Das andere Menschenbild in der Szene, das dem des Mephisto gegenübergestellt wird, ist das des HERRN. Im Gegensatz zu Mephisto nimmt der HERR Schöpfung und Mensch ganzheitlich wahr und sieht die positiven Aspekte als die überwiegenden an. Am Beispiel Fausts er macht dies deutlich:
Faust diene ihm nämlich momentan, wie Gott gegenüber Mephisto einräumt, "nur verworren" (V. 308), doch mit der Perspektive auf Vollendung. Er, der HERR, wolle ihn nämlich "bald in die Klarheit" (V. 309) führen. Gott vergleicht sich mit einem Gärtner, der den Menschen als sein Bäumchen bestens kenne und somit zu beurteilen wisse (V. 310).
Mephisto hält aber dagegen und bittet den HERRN um die Erlaubnis, den Versuch zu unternehmen, Faust auf "seiner Straße sacht zu führen", um die Schlechtigkeit des Menschen zu demonstrieren. Der HERR willigt ein, da er Mephistos Unterfangen als aussichtslos beurteilt (V. 327-329), weil sich ein "guter Mensch in seinem dunklen Drange" des "rechten Weges wohl bewusst" sei (V. 327-329). Gott erkennt also das positive Bemühen des Menschen an, erkennt aber auch dessen Schwächen, indem er Mephistos Aufgabe erklärt, die darin besteht, den Menschen anzutreiben, da dieser durchaus dazu neige, in seiner Tätigkeit zu erschlaffen (V. 340). Des Weiteren definiert der HERR das Irren, das Mephisto bemängelt, als wesentlich zum Menschen in seiner Gesamtheit dazugehörend. Er stellt fest, der Mensch irre so lange, wie er strebe (V. 317). Im Gegensatz zu Mephistos Meinung erschöpft sich der Mensch in Gottes Menschenbild aber nicht darin.
Der Versuch, den Mephisto mit Faust durchführen will, bestimmt die weitere Handlung. Mephistos Einwirken auf Faust bis zum Schluss und der Pakt, den die beiden schließen, sind als Folge dieser für Faust nicht ersichtlichen "Vorbesprechung im Himmel" zu verstehen. Daher kommt der Szene in der Konstruktion des Werks eine große Bedeutung zu.
Immer wieder finden sich später auch Rückverweise darauf – wie etwa auf das Motiv des Irrens.
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