Schulstoff.net - Interpretation zur Novelle "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser
 
 
 
 
Titel: Interpretation zur Novelle "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser
Kategorie: Deutsch / Dramatik und Epik

Die folgende Interpretation versucht u. a., die beiden folgenden Fragen zu beantworten:
Wovor flüchten die Menschen in Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“? Inwieweit ist das fliehende Pferd als zentrales Symbol der Novelle zu bewerten?

Im Vordergrund der Handlung der Novelle stehen die beiden Männer Klaus Buch und Helmut Halm, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Durch eine zufällige Urlaubsbegegnung treffen die beiden vollkommen unterschiedlichen Männer, die sich aus ihrer Jugend kennen, samt ihrer Frauen aufeinander. Halm ist inzwischen Studienrat und eigenen Angaben zufolge stolz darauf, Kleinbürger zu sein. Buch wird als erfolgreicher Autor und vitaler Lebenskünstler präsentiert, der mit seiner als attraktiv beschriebenen Gattin kinderlos einen legeren Lebensstil pflegt. Buch wirkt jung, kräftig und auf Frauen anziehend, während Halm über eine unauffällige Erscheinung verfügt.
Dadurch, dass die Handlung aus Sicht der Hauptfigur Halm erzählt wird, gewinnt der Leser zunächst Einblicke in sein Innenleben, während von Klaus Buch über lange Zeit nur die Fassade erkennbar ist.
Halm wird als introvertiert charakterisiert und gibt zu erkennen, dass er sich und seinen Gemütszustand gerne versteckt. Nachdem er bereits das Sitzen im Café mit Publikumsverkehr als unangenehm empfindet, stellt er in Gedanken fest, „inkognito“ sei „seine Lieblingsvorstellung“ und auch ansonsten hege er den „Herzenswunsch zu verheimlichen“. Im Gegensatz zu Buch, der als Fitnessevangelist die permanente sportliche Aktivität sucht, zieht Halm das Kuchenessen mit seiner Frau Sabine in der vergitterten Ferienwohnung vor. Seinen Urlaub nutzt Halm, wie er zu erkennen gibt, auch um Verhaltensweisen für den Alltag daheim zu erproben, was auf die Künstlichkeit seiner Lebensrolle, die er entwickelt hat, hinweist. Er liebt es, seinen Mitmenschen Eigenschaften vorzuspielen, und freut sich umso mehr an seinem Schauspiel, je weniger seine Umgebung sein wahres Wesen erkennt und je mehr er missverstanden wird. Nur selten bricht der tatsächliche Helmut Halm durch die Maske hervor, etwa als Klaus Buch beim gemeinsamen Segeltörn über Bord geht. Das unbeabsichtigte Ausscheren aus der mühsam aufrecht erhaltenen Deckung bereitet Halm mindestens ebenso viel Unbehagen wie der vermeintliche Personenschaden an Klaus Buch.
Der Charakter Klaus Buchs wird als aktiver Draufgängertyp angelegt, der mit seinem übergroßen Mitteilungsbedürfnis bezüglich vergangener Ereignisse Halms Nerven strapaziert und diesen reich mit unerwünschten Ratschlägen für dessen Lebenswandel versorgt. Ein begehrtes Auto, eine junge, hübsche Frau und ein gemietetes Segelboot sind Statussymbole, mit denen sich Buch schmückt. Als Autor von Büchern (zweifelhafter Qualität, wie die billig-platten Titel erahnen lassen) legt Klaus Buch Wert darauf, als kompetent zu gelten und genießt es, wenn Hel seine Leistungen anpreist. Zudem fordert Klaus regelmäßig eine Bestätigung seiner Begehrtheit durch seine Frau heraus, indem er immer wieder unterstellt, sie würde ihn nicht lieben, woraufhin er erwartet, dass sie ihn schleunigst vom Gegenteil überzeugen solle. Dieses Verlangen nach Bestätigung und Anerkennung zeigt, dass Klaus Buchs Selbstvertrauen bei Weitem nicht über die Stärke verfügt, die er gerne verkörpern möchte. Erst am Ende der Handlung, als aber noch angenommen wird, Klaus sei bei dem Unfall beim Segeltörn ums Leben gekommen, wird seine Lebenslüge aber endgültig durch Hel enthüllt. Sie berichtet, dass Klaus keineswegs automatisierten Erfolg genieße und auch mit sich selbst – trotz seiner glaubhaften Fassade – nicht zufrieden sei. Er quäle sich bei der Arbeit und versuche aber gleichzeitig den Anschein zu erwecken, dass er generell nicht arbeite und ihm sein Tagwerk spielend leicht von der Hand ginge. Auch habe er aus eigener Schwäche heraus zudem Hel auf seine „Interessen dressiert“, wohl um sie besser im Griff zu haben, als wenn sie, wie sie eigentlich gewollt habe, Musikerin geworden wäre. Hel konstatiert am Ende, Klaus habe von seinem Leben „nicht viel gehabt“, alles sei „Schinderei“ gewesen.
Was beiden doch so unterschiedlichen Charakteren gemein ist, ist die Flucht vor der Realität, vor der eigenen Persönlichkeit. Sowohl Buch als auch Halm erarbeiten sich eine Fassade, mit der es sich für sie gut leben lässt, die die eigenen Vorstellungen von einem richtigen Leben am besten präsentiert. Eine solche Fassade schafft Sicherheit. Die wahre Persönlichkeit muss nicht hinterfragt und verteidigt werden. Sie muss sich nicht Vergleich, Wettbewerb und Wertung der Leistungsgesellschaft, in der beide gezwungenermaßen leben, stellen. Für Halm manifestiert sich das Unheil dieser Leistungsgesellschaft vor allem in Hinblick auf sexuelle Potenz. Er sieht sich einem modernen, mediengeprägten Pansexualismus ausgesetzt und entwickelt Versagensängste. Als er mit seiner Frau in einem Hotel nächtigt und dort bedingt durch dünne Wände den Akt in einem benachbarten Zimmer mitverfolgen muss, sieht er sich – in Beisein seiner Frau – dem direkten Qualitätsvergleich, der schonungslosen vergleichenden Wertung, ausgesetzt. Er stellt fest, mit einem solchen „Hammer“ könne er kaum mithalten; verunsichert verfolgt er mit, was ein Mann zu leisten im Stande sei.
Auch ansonsten ist Verunsicherung maßgeblich für Halm. Die Tatsache, dass er verschämt auf den Boden oder in die Gegend vorbeischaut, wo immer weibliche Reize auszumachen sind, bringt im den Spitznamen „Bodenspecht“ ein.
Das Auftauchen von Klaus Buch führt dem Mitvierziger Halm – wieder in Form eines Vergleichs mit einem anderen Mann – vor Augen, was ihm anscheinend alles entgangen ist, wie er sein Leben fehlverwaltet hat und wie berechtigt er doch – an seiner Midlife Crisis – leidet.
Um mit all diesen Ängsten und Selbstzweifeln leben zu können, ist die Fassade das Mittel der Wahl. Halm wählt die Flucht vor all dem nach innen. Er verrät nichts oder besser noch Falsches, damit seine angespannte Situation nicht offenkundig werden möge.
Klaus Buch möchte es sich – genauso alt – in seiner Midlife Crisis beweisen, welch selbstgestaltendes Kraftpaket er doch sei. Ihm kommt es weniger auf das Vertuschen und Verheimlichen zwecks undifferenzierter Außenwahrnehmung, sondern mehr auf das Überhöhen der eigenen nur mäßigen Leistungsfähigkeit an. Sein sportlich-vitaler Lebensstil und sein gespielter professioneller Erfolg dienen dazu als Rollen- und Seelenkosmetik. Klaus Buch flüchtet im Gegensatz zu Helmut Halm nach außen. Er will der Welt zeigen, welch grandioser Held er ist, und möchte eben dieses bewundernde Feedback provozieren. Im Rahmen seiner Flucht nach außen zieht er es sogar in Betracht, auf die Bahamas zu fliehen, womit die ansonsten psycho-programmatisch verstandene „Flucht nach außen“ regelrecht geographisch-plastische Ausmaße annimmt.
Die Flucht und die dazu dienende Produktion von Schein sind somit als zentrale Motive der Novelle auszumachen. Mit einem entlaufenen, auf der Flucht vor seinem Besitzer befindlichen Pferd, dem die Buchs und die Halms bei einem gemeinsamen Ausflug begegnen, wird das Fluchtmotiv leibhaftig in der Handlung der Novelle aufgegriffen. Das fliehende Pferd bietet Klaus Buch die Möglichkeit, durch das heldenhafte Einfangen desselben, über Halm, der nur passiv und vom Ausflug ohnehin ausgelaugt das Geschehen mitverfolgt, zu triumphieren, im direkten Vergleich also wieder einen entscheidenden Pluspunkt einzusammeln. Das fliehende Pferd ist Buch somit nützlich, um seine eigene Flucht nach außen weiter fortzusetzen.
Daher kann festgestellt werden, dass das titelgebende fliehende Pferd, das zentrale Symbol der Novelle darstellt.

 
 
 
 
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