Schulstoff.net - Gedichtinterpretation zu "Blauer Abend in Berlin" von Oskar Loerke
 
 
 
 
Titel: Gedichtinterpretation zu "Blauer Abend in Berlin" von Oskar Loerke
Kategorie: Deutsch / Lyrik

Das zu Zeiten des literarischen Expressionismus entstandene Gedicht „Blauer Abend in Berlin“ von Oskar Loerke thematisiert am Beispiel Berlins die Stadt und ihr Verhältnis zur Natur, indem die Stadt mit einer Wasserlandschaft verglichen wird.
Das Gedicht besteht aus vier Strophen: Die ersten beiden bestehen aus vier, die letzten beiden aus drei Zeilen (Sonettform). Das Reimschema der ersten und zweiten Strophe ist ein umarmender Reim (abba). In der dritten und vierten Strophe findet sich das Reimschema cddcee, das sich über beide Strophen erstreckt.
Zu Beginn in der ersten Strophe wird beschrieben, der Himmel fließe in steinernen Kanälen, zu denen die Straßen ausgehauen seien. Diese Metapher kann im weiteren Sinn als Oxymoron betrachtet werden, da der Himmel, der in der Regel unendliche Weiten, Freiheit, Unbeschwertheit und Natürlichkeit symbolisiert, in diesem Fall widernatürlich kanalisiert in starren Bahnen eingeengt sei. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass es in der Stadt der Mensch ist, der sich seine Umwelt nach eigenen Vorstellungen und den Prinzipien der anthropozentrischen Nützlichkeit und Rationalität schafft, dass die Natur also nicht zur freien Entfaltung kommt. Trotz dieser Problematisierung wird dem Urbanen aber in der folgenden Zeile auch eine ihr eigene Ästhetik zugestanden, denn die Straßen seien „voll vom Himmelblauen“ (Z. 3), was als positiv besetzte Metapher zu erkennen ist. Die osmotisch in die städtische Umgebung einwirkende Natur verwirklicht ihr Antlitz also auch in dieser Umgebung, wenn auch auf andere Weise als außerhalb der Stadt. In der letzten Zeile der ersten Strophe werden weitere Vergleiche von Kennzeichen einer relativ naturbelassenen Umgebung mit Attributen der Stadt angestellt („Kuppeln / Bojen“ und „Schlote / Pfähle“), um die Verbundenheit beider Systeme aufzuzeigen.
In der zweiten Strophe wird das Wassermotiv aus der ersten Strophe weitergeführt. Zusammen mit der Himmelssymbolik schafft dies eine ruhige und friedliche Atmosphäre. Der Anblick von Essendämpfen über der Stadt, eine Auswirkung der industriellen Produktionsverhältnisse, wird durch einen Vergleich mit „Wasserpflanzen“ (Z. 6) ebenfalls in den harmonischen Symbolzusammenhang eingebettet. Am Grunde der Stadt stauten sich die Leben der Menschen (Z. 7), die – anscheinend nicht unzufrieden damit – „sacht vom Himmel“ erzählten (Z. 8). Passiv werden sie „gemengt“, „entwirrt“ und „geregt“. In der Stadt sind die Menschen der stadteigenen und sich verselbstständigt habenden Dynamik aus Arbeitsalltag, Anonymität und Schnelllebigkeit unterworfen. Das sehr regelmäßige Metrum des fünfhebigen Jambus unterstützt diese Aussage auf formaler Ebene. Es wird somit angefragt, ob das Stadtleben den Menschen nicht wie die Natur auch seiner freien Entfaltungsmöglichkeiten beraubt und zum passiven Objekt reduziert. In der letzten Strophe werden die Menschen sogar mit „grobem, buntem Sand“ (Z. 13) verglichen, der ohne eigene Steuerung vom „Spiel der Wellenhand“ bewegt wird. Als vom Wasser bewegter „Bodensatz und Tand“ (Z. 10) sind sie fremdbestimmt vom Ordnungsprinzip Stadt; der Mensch lässt sich verwickeln in das „Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen“ (Z. 12), gibt also die individuelle Lebensbestimmung ab. Es kommt zu einer Deindividualisierung der Menschen; als Sandkörner verlieren sie sich im Gewimmel der Stadt, dem sie sich hingeben.
Bei aller transportierten Harmonie, die von Formulierungen wie dem „linden Spiel“ der Wellen ausgeht, verbleibt doch das kritische Moment, denn menschliche Leben „stauten“ sich gegenständlich wie ein Substrat, werden zu grobem Sand und zu einem profanen Bodensatz degradiert, was als entmenschlichende Darstellung auszumachen ist.
Meiner Auffassung nach vermittelt das Gedicht ein zwiespältiges – nicht nur negatives – Bild der Stadt. Auf der einen Seite fasziniert sie die Menschen nämlich, die „sacht vom Himmel erzählen“, auf der anderen Seite unterwirft sie sich aber den Menschen mit fragwürdigen Auswirkungen auf dessen Wesen.

 
 
 
 
RKI Robert-Koch-Institut

Das Robert-Koch-Institut (kurz RKI) wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin [...] [Mehr lesen]


Schulstoff auf Schulstoff.net! - Impressum und Datenschutzerklärung